„Menschlichkeit ist ein Privileg“: Umar Khalid über seine sechs Jahre ohne Gerichtsverfahren in einem indischen Gefängnis.
Exklusivinterview mit dem Aktivisten Umar Khalid, der über sechs Jahre Haft ohne Gerichtsverfahren und seinen anhaltenden Widerstand gegen die indische Regierung reflektiert.

Ein Leben hinter Gittern: Die Tortur von Umar Khalid
Für Umar Khalid, Gefangener Nr. 626714, ist der Sonnenuntergang die qualvollste Stunde des Tages. Wenn sich die Tore des Tihar-Gefängnisses in Delhi öffnen und die Häftlinge in den Hof lassen, wird ihm die Realität seiner Haft – sechs Jahre ohne Gerichtsverfahren – bewusst. Beim Nachdenken über diese psychische Belastung bemerkt Khalid eine düstere Verwandtschaft mit dem Schriftsteller Fjodor Dostojewski aus dem 19. Jahrhundert, der dieselbe quälende Erkenntnis eines weiteren verlorenen Tages in Gefangenschaft beschrieb.
Ein Symbol des Widerstands
Einst ein prominenter Studentenaktivist an der Jawaharlal-Nehru-Universität (JNU), wurde Khalid während der regierungsfeindlichen Proteste von 2019 zu einer nationalen Figur. Diese Demonstrationen, ausgelöst durch ein umstrittenes Staatsbürgerschaftsgesetz, das von vielen als diskriminierend gegenüber Muslimen angesehen wird, stellten eine der größten Herausforderungen für die Regierung von Premierminister Narendra Modi dar. Im Jahr 2020 wurde Khalid aufgrund strenger Anti-Terror-Gesetze verhaftet und beschuldigt, einer der Hauptverantwortlichen für die verheerenden religiösen Unruhen in Delhi gewesen zu sein. Er und seine Unterstützer sowie Menschenrechtsorganisationen weisen diese Anschuldigungen entschieden als Teil eines dystopischen politischen Vorgehens zurück.
Die Entmenschlichung eines Gefangenen
Khalid, ein scharfer Kritiker der hindu-nationalistischen Agenda der BJP, beschreibt, wie seine öffentliche Darstellung instrumentalisiert wurde. Durch die Linse der Staatspropaganda wird er von großen Medienanstalten oft als „Terrorist“ oder „Staatsfeind“ bezeichnet. Diese öffentliche Stigmatisierung hat auch sein Leben im Gefängnis beeinflusst, wo selbst Mithäftlinge diese Erzählung verinnerlicht haben. „Menschlichkeit ist ein Privileg, das Menschen wie mir nicht zuteilwird“, sinniert er und bemerkt, wie sehr die Isolation sein körperliches und seelisches Wohlbefinden beeinträchtigt hat.
Die Suche nach Gerechtigkeit
Trotz weltweiter Proteste von Menschenrechtsgruppen und sogar internationalen Politikern bleibt Khalid inhaftiert. Seine Anträge auf Kaution wurden von der Justiz wiederholt verzögert, vertagt oder abgelehnt, was zu einem Zustand ständiger Ungewissheit geführt hat. Obwohl er zugibt, dass seine Hoffnung „langsam zu schwinden beginnt“, setzt er sich weiterhin dafür ein, gegen das anzukämpfen, was er eine postfaktische Gesellschaft nennt. In seinen stillen Momenten schöpft er Kraft aus dem Vermächtnis von Revolutionären und findet Trost in den Worten von Bhagat Singh: „Ich bin jene verrückte Seele, die selbst in Gefangenschaft frei ist.“ Während sein erstes Buch, Zersplitterte Gemeinschaften, kurz vor der Veröffentlichung steht, hallt der Ruf nach einem fairen Prozess in der angeschlagenen indischen Zivilgesellschaft weiter wider.