Blutige Straßen in Kaschmir: Neun Tote bei eskalierenden politischen Spannungen in der pakistanisch verwalteten Region
Bei den jüngsten Zusammenstößen im pakistanisch verwalteten Teil Kaschmirs kamen mindestens neun Menschen ums Leben, während sich die Proteste gegen die politische Repräsentation und das harte Vorgehen der JAAC verschärfen.

Zunehmende Gewalt im pakistanisch verwalteten Kaschmir
Die ohnehin instabile Lage im pakistanisch verwalteten Kaschmir hat sich nach einer Reihe tödlicher Zusammenstöße am Dienstag weiter verschärft. Mindestens neun Menschen kamen bei verschiedenen Gewalttaten ums Leben, womit die Gesamtzahl der Todesopfer seit Beginn der Unruhen Anfang Juni auf 28 stieg. Die Gewalt ereignete sich, während ein massiver Protestmarsch in Richtung der Regionalhauptstadt Muzaffarabad vorübergehend zum Erliegen kam und Tausende von Demonstranten in angespannter Ungewissheit zurückließ.
Details der tödlichen Auseinandersetzungen
Das Blutvergießen ereignete sich an zwei Hauptorten. Im Distrikt Poonch führten Sicherheitskräfte eine Razzia in einem Wohnhaus am Stadtrand von Rawalakot durch. Offiziellen Angaben zufolge erfolgte die Operation aufgrund von Geheimdienstinformationen über ein verstecktes Waffenlager. Die Razzia eskalierte jedoch zu einem Feuergefecht, bei dem ein Sicherheitsbeamter und mehrere andere ums Leben kamen.
Gleichzeitig ereignete sich im Distrikt Sudhnoti eine weitere gewaltsame Auseinandersetzung, als Demonstranten einen Sicherheitskonvoi blockierten. Laut Behördenangaben wurde der Konvoi mit Schüssen und Steinwürfen beschossen. Bei dem Zusammenstoß starben sieben Demonstranten und ein weiterer Polizist. Die Polizei beteuert zwar, in Notwehr gehandelt zu haben, doch der Vorfall hat die Wut der Bevölkerung weiter angeheizt.
Das JAAC und das harte Vorgehen des Staates
Ein Großteil der aktuellen Unruhen wird vom Jammu Kashmir Joint Awami Action Committee (JAAC) angeheizt. Die Gruppe ist zum Aushängeschild einer breiten Bewegung geworden, die politische und wirtschaftliche Reformen fordert. Die pakistanische Regierung verfolgt jedoch einen harten Kurs und verbot die JAAC am 5. Juni gemäß den Anti-Terror-Gesetzen, wodurch die Führung und die Aktivitäten der Organisation faktisch kriminalisiert wurden. Um die Koordination der Proteste zu unterbinden, hat die Regierung strenge Beschränkungen für Internet- und Mobilfunkdienste verhängt. Diese Kommunikationssperren erschweren es internationalen Beobachtern und Journalisten zunehmend, das Ausmaß der Proteste zu überprüfen oder direkt mit den Tausenden von Demonstranten in Rawalakot zu kommunizieren. Kern des Konflikts: Politische Repräsentation. Obwohl die Gewalt unmittelbar ist, liegt die Wurzel des Konflikts tief im System. Im Zentrum der Proteste steht eine langjährige Unzufriedenheit über zwölf Sitze im Regionalparlament. Diese Sitze sind für kaschmirische Flüchtlinge reserviert, die nach 1947 nach Pakistan migrierten und derzeit außerhalb der Region leben.
Die JAAC argumentiert, dass diese Regelung ein Instrument für in Pakistan ansässige politische Parteien sei, um ungebührlichen Einfluss auf die Lokalregierung des pakistanisch verwalteten Kaschmir auszuüben. Darüber hinaus behaupten Demonstranten, dass diese politische Struktur wichtige Entwicklungsgelder von der Bevölkerung der Region abzieht. Die Spannungen erreichten letzten Monat ihren Höhepunkt, als der Oberste Gerichtshof der Region entschied, dass diese Sitze verfassungsrechtlich geschützt sind und somit nicht ohne eine formelle Verfassungsänderung abgeschafft werden können.
Sicherheitslage und bevorstehende Wahlen
Da sich die Region auf die für den 27. Juli angesetzten Wahlen vorbereitet, bleibt die Sicherheitslage angespannt. Rund 4.000 Polizisten und paramilitärische Kräfte wurden eingesetzt, um die Ordnung aufrechtzuerhalten und den geplanten Marsch nach Muzaffarabad zu blockieren. Der Kommissar von Poonch hat ausdrücklich erklärt, dass Demonstranten der Durchreise durch Rawalakot verwehrt wird, wodurch sie gezwungen sind, gefährliche Bergpfade zu nehmen, wenn sie die Hauptstadt erreichen wollen. Trotz der Behauptungen von Regierungsbeamten, darunter des stellvertretenden Kommissars von Muzaffarabad, dass die Hauptstadt „ruhig“ sei, deutet die Anwesenheit Tausender entschlossener Demonstranten in Rawalakot darauf hin, dass die Region alles andere als stabil ist.