Die Rettung des Klangs einer Nation: Der Wettlauf um die Digitalisierung der historischen Archive von Radio Mogadischu
Somalia arbeitet mit Hochdruck an der Digitalisierung von 400.000 Stunden historischer Sendungen von Radio Mogadischu und rettet so Jahrzehnte der Musik, Kultur und politischen Geschichte vor dem Verfall.

Ein Schatzkästchen schwindender Erinnerungen
In einem ruhigen, klimatisierten Raum in Mogadischu, Somalia, stapeln sich Tausende von Tonbändern auf Stahlregalen, bedeckt mit dicken Staubschichten. Für einen flüchtigen Betrachter mögen sie wie Relikte einer vergangenen Ära wirken, doch für die Menschen in Somalia stellen diese Bänder eine gewaltige Klanglandkarte des 20. Jahrhunderts dar. Von den frühen 1950er-Jahren an fingen diese Aufnahmen den Herzschlag einer Nation ein – ihre Nachrichten, politischen Reden, legendäre Musik und die vielfältigen Stimmen, die einst die somalische Öffentlichkeit prägten.
Aktuell befindet sich ein kleines, engagiertes Team von Archivaren in einem Wettlauf gegen die Zeit. Unter der Leitung von Archivaren wie Abdiqadir Geedi Robleh digitalisiert das Team rund 400.000 Stunden an Sendungen, bevor die Magnetbänder unwiederbringlich beschädigt sind. Für Robleh ist der Prozess ebenso emotional wie technisch; das Abspielen eines lange verschollenen Liebesliedes des bekannten Sängers Mohamed Mooge Liban ist nicht nur ein Akt der Bewahrung, sondern eine Reise zurück in seine eigene Jugend.
Das Vermächtnis von Radio Mogadischu
Radio Mogadischu wurde 1951 während der italienischen Kolonialzeit gegründet und entwickelte sich zum einflussreichsten öffentlich-rechtlichen Sender Somalias. In einer Zeit, in der die mündliche Überlieferung höher geschätzt wurde als das geschriebene Wort, wurde der Sender zum wichtigsten Medium für die Schaffung eines gemeinsamen Nationalbewusstseins. Er berichtete nicht nur über Nachrichten, sondern prägte die Kulturlandschaft und fungierte als „nationale Talentschmiede“ für die talentiertesten Musiker, Dichter und Dramatiker des Landes.
Auf seinem Höhepunkt reichte die Reichweite des Senders weit über die Grenzen Somalias hinaus und beeinflusste Zuhörer in Äthiopien, Tansania und im gesamten Nahen Osten. Sein radikaler panafrikanischer Sendestil spiegelte den einflussreichen Radiosender Kairo der Nasser-Ära wider und verlieh dem Kontinent eine Stimme der Unabhängigkeit und Solidarität.
Politische Ideologie und die „revolutionären“ Ätherwellen
Die Rolle des Senders veränderte sich nach dem Putsch von 1969 unter der Führung von Generalmajor Mohamed Siad Barre dramatisch. Unter seiner sozialistischen Revolutionsregierung wurde Radio Mogadischu zu einem mächtigen Instrument der Staatsideologie. Die Ätherwellen waren erfüllt von einer Mischung aus nationalistischen Inhalten und antikolonialem Eifer, darunter Lieder wie Halimo Khalif Magools „Oh Africa, still sleeping“, das den Kontinent zum Erwachen und zur Selbstbestimmung aufrief.
Das Engagement des Senders gegen den Imperialismus zeigte sich in seiner umfassenden Berichterstattung über die Befreiungskämpfe in Mosambik und den Kampf gegen die Apartheid in Südafrika. Darüber hinaus spielte Radio Mogadischu eine zentrale Rolle in der regionalen Diplomatie und im subversiven Rundfunk; Es bot die ersten Radioprogramme in Oromo und Sidama und gab damit marginalisierten Gemeinschaften in Äthiopien eine Stimme, deren Sprachen von der amharischsprachigen Elite unterdrückt worden waren.
Krieg und Verfall überstanden
Die Archive haben unglaublichen Widrigkeiten getrotzt. Während des Zusammenbruchs der Regierung 1991 und des darauffolgenden Bürgerkriegs wären die Aufzeichnungen beinahe durch Plünderungen und Kämpfe verloren gegangen. Polizeioberst Abshir Hashi Ali riskierte sein Leben, um den Tresor zu schützen, getrieben von der Überzeugung, dass das Archiv ein Schatz war, der allen Somalis gehörte.
Doch die Naturgewalten und Unfälle waren ebenso unerbittlich. Ein schwerer Brand im Jahr 2018 zerstörte Teile der Sammlung, und die hohe Luftfeuchtigkeit an der Küste führte zur Beschädigung von etwa 10 % der Tonbänder. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass zwar noch 85 % der 45.000 Tonbänder abspielbar sind, die Zeit für eine Rettung jedoch rapide abläuft.
Ein globales Projekt für die lokale Geschichte
Das somalische Informationsministerium hat den universellen Wert des Archivs erkannt und arbeitet mit dem UNESCO-Regionalbüro für Ostafrika zusammen. Ziel ist es, die Sammlung im Rahmen des UNESCO-Programms „Weltdokumentenerbe“ registrieren zu lassen. Anfang Juni trafen sich Archivare aus dem ganzen Land zu Workshops, um den Konservierungsprozess zu standardisieren.
Trotz der internationalen Unterstützung sind die Ressourcen weiterhin knapp. Stationsleiter Abdi Jeite merkt an, dass trotz neuer Werkzeuge und Schulungen seit Beginn der Digitalisierungsinitiative im Jahr 2012 nur etwa 10 % des Archivs erfolgreich digitalisiert wurden.
Warum die Digitalisierung für die Zukunft wichtig ist
Für Historiker und die Jugend Somalias sind diese Archive mehr als nur alte Aufnahmen – sie sind die einzigen existierenden Dokumente eines Landes, dessen schriftliche Geschichte während jahrzehntelanger Kriege weitgehend ausgelöscht wurde. Iman Mohamed, Historikerin an der Universität von Minnesota, betont, dass Forscher ohne diese Aufzeichnungen gezwungen sind, auf ausländische Archive oder brüchige mündliche Überlieferungen zurückzugreifen.
Die Wiederherstellung dieser Klänge ermöglicht es einer neuen Generation von Somalis, die politischen und kulturellen Kräfte zu verstehen, die ihre Identität geprägt haben, und stellt sicher, dass die Stimmen der Vergangenheit nicht durch den Lauf der Zeit oder die Narben des Konflikts zum Schweigen gebracht werden.